Adi erinnert sich deutlich an den Moment, als seine Mutter das Haus verließ. Er war damals vier Jahre alt. Seine Mutter schnitt sich eine Handvoll Haare ab, band sie mit einem roten Faden zusammen, legte sie auf ein Regal und ging mit ihrem Rollkoffer davon. Und elf Jahre lang kam sie kein einziges Mal zurück. Der fünfzehnjährige Adi hegt ebenso viel Groll gegen seine Mutter wie Sehnsucht nach ihr und zieht mit einer Motorradclique umher oder widmet sich voller Eifer dem Streaming in Frauenkleidern in sozialen Netzwerken. „Baima Boy“ ist eine Geschichte, die von einem gegenwärtigen „Phänomen“ in China ausgeht: 60 Millionen „vernachlässigte Kinder“ bleiben auf dem Land zurück, nachdem ihre Eltern auf der Suche nach Arbeit in die Städte gezogen sind. Tatsächlich befindet sich Adi in einer viel zu komplexen Situation, um als Beispiel für dieses „Phänomen“ gelten zu können. Vor allem ist dieser Junge eine so dramatische Figur, als hätte man mehrere Fiktionen übereinandergelegt, dass er während des gesamten Films alle möglichen Gefühle hervorruft. Der Film, der Adi vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr durch die Jahreszeiten begleitet, hellt sich erst im letzten Moment auf, als der Junge sagt: „Ich bin nicht mehr der, der ich früher war.“ Eine scharfsinnige Skizze des heutigen China und ein glänzendes Coming-of-Age-Drama.