Wie finden die Worte der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux Eingang in das Leben einer Gruppe französischer Oberstufenschülerinnen und -schüler? Regisseurin Claire Simon besucht Schulen im Pariser Umland, in der Provinz und in Französisch-Guayana und dokumentiert, wie die Jugendlichen Ernaux’ Werke lesen und diskutieren. Ausgehend von Klasse, Familie, Körper, Geschlecht und Erfahrungen des Aufwachsens betrachten sie ihre eigene Identität und die Gesellschaft, in der sie leben, neu. Die offenen Texte über Abtreibung, Liebe, familiäre Zuneigung und Scham werden für die junge Generation zum Anlass, sich selbst zu erkunden und bestehende Normen infrage zu stellen.
Der Film setzt das Interesse der Regisseurin an Räumen und zwischenmenschlichen Interaktionen innerhalb gesellschaftlicher Institutionen fort. Er folgt nicht der biografischen Erzählweise herkömmlicher Dokumentarfilme über Schriftsteller, sondern entfaltet sich durch feine Beobachtungen und Gespräche und zeigt die Gedanken und den Fluss der Gefühle der Jugendlichen. Ernaux’ Schreibweise der „Autosoziobiografie“ wird zu einem Spiegel, der die Lebenserfahrungen von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Herkunft reflektiert und zeigt, wie literarische Lektüre zu einer Kraft wird, um über die Welt nachzudenken, andere zu verstehen und sich auch die eigene Position neu vorzustellen.