Antigone ist furchtlos und eigensinnig. Sie weigert sich, den Leichnam ihres grausam getöteten Bruders Polyneikes den wilden Tieren zum Fraß zu überlassen, widersetzt sich entschlossen dem Verbot des Tyrannen Kreon und bestattet ihn. Zur Strafe befiehlt Kreon, die rebellische Tochter des Ödipus in eine Höhle zu verbannen und dort verhungern zu lassen, damit sie das Volk nicht zum Aufstand anstachelt. Die unsterbliche Tragödie des Sophokles durchlief einen Wandel der Medien, von der deutschen Übersetzung des Dichters Hölderlin Ende des 18. Jahrhunderts bis zu Brechts Bühnenbearbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg; 1991 verfilmten Straub und Huillet Brechts Bearbeitung im antiken Freilichttheater von Segesta auf Sizilien.
Jean-Marie Straub (1933–2022) und Danièle Huillet (1936–2006) lernten sich in den 1950er-Jahren kennen. Da sie die Einberufung zum Algerienkrieg verweigerten, zogen die beiden nach Deutschland, wo sie unter anderem „Nicht versöhnt“ – nach einem Roman von Heinrich Böll – und „Chronik der Anna Magdalena Bach“ drehten. Nach 1969 ließen sie sich in Rom nieder und drehten weiterhin Filme, die gängige Formen filmischer Darstellung umstürzten, wobei sie auf klassische Kunstwerke und zeitgenössische Texte des Widerstands von Persönlichkeiten wie Franz Kafka, Hölderlin, Corneille, Brecht und Schönberg zurückgriffen.